10.000 Kilometer - Veränderung durch (m)eine Reise

„Ist so eine Reise nicht gefährlich?“ „Hast du keine Angst, durch solche Länder zu fahren?“ „Hast du kein Heimweh?“ Oder „Was isst du denn, wenn du unterwegs bist?“ Diese und andere Fragen höre und lese ich immer wieder. Da ich vor wenigen Tagen meine 10.000 Kilometer vollgemacht habe, habe ich mir Dies mal zum Anlass genommen darüber zu schreiben, wie eine solche Reise einen verändert! Als ich meine Heimat vor fast 8 Monaten verließ, konnte ich nur erahnen, was mich unterwegs erwarten würde. Viel zu oft, wurde ich von Leuten vor Ländern gewarnt, die Sie selbst nie betreten hatten. Oft basierten solche Warnungen gar auf bloßen Vermutungen. Da wurden Artikel über die Sicherheitslage in Afghanistan gelesen und daraus dann auf die ganze Region geschlussfolgert.

10000 Kilometer
10.000 Kilometer

Der Islam wird bei einigen Leuten, dank den Medien ohnehin als eine ständig präsente Bedrohung angesehen. Eine These die ich nun zu einem großen Teil wiederlegen kann! So hatte ich in den islamischen Ländern keinen einzigen Zwischenfall! Das Gegenteil war der Fall. Oft wurde ich von der lokalen Bevölkerung spontan zum Essen oder zum Übernachten eingeladen. Dort wo es sprachlich möglich war, hatte ich zum Teil auch sehr interessante Konversationen mit diesen Menschen. Auch wenn es darum ging, Ersatzteile zu bekommen oder etwas am Rad zu reparieren, konnten sowohl Ich als auch viele andere Reisende auf die Hilfe der Einheimischen bauen! So wurde beispielsweise der Rahmen von Patrik, mit dem ich einige Tage zusammen gefahren bin, einfach am Straßenrand geschweißt! Doch so selbstverständlich der Rahmen geschweißt wurde, so entschieden wurde jegliche Form einer Bezahlung abgelehnt! Deshalb konnten wir uns schließlich nur mit einem freundlichen „Dankeschön“ verabschieden.

Trotz all der tollen Erfahrungen, haben sich leider auch einige Vorurteile bestätigt. So hörte ich von mehreren allein reisenden Frauen, dass Sie in Ländern wie der Türkei oder dem Iran doch hin und wieder Probleme hatten. Doch selbst hier hörte ich zum größten Teil Positives. Auch in den ehemaligen Sowjetstaaten, vor denen ich oft gewarnt wurde, hatte ich größtenteils positive Erfahrungen. Auch hier gab es Einladungen und viel Interesse an den Reisenden. Doch leider bewahrheiteten sich auch hier einige der Vorurteile, so sah ich gerade in Kirgistan, sehr viele Menschen, die bereits morgens betrunken durch die Gegend liefen. Außerdem wurden mir vor drei Tagen in einem Hostel in Almaty sowohl eine fast neue Hose, als auch etwa 100 US-Dollar gestohlen! Aber auch das ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal Kasachstans, sondern kann einem überall passieren. Insgesamt hatte ich aber auch hier, von diesem Zwischenfall abgesehen, keine negativen Erlebnisse!

Gastgeberfamilie in Aserbaidschan
Gastgeberfamilie in Aserbaidschan

Doch was änderten diese vielen Erlebnisse konkret an meiner Person? Seit ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, hinterfrage ich Medienberichte noch kritischer als zuvor. Besonders wenn es um internationale Politik geht, fällt hier doch eine starke Einseitigkeit auf. Gerade wenn eine Bevölkerungsgruppe völlig pauschalisiert wird, sollte man den Bericht besonders genau hinterfragen. Ob es sich dabei um „Den Russen“ oder „Die Muslime“ handelt, spielt dabei keine Rolle. Auch „Friedensmissionen“, Humanitäre Einsätze“ und ähnliche Operationen, sehe ich seit meiner Reise noch Kritischer als zuvor. Als ich der Tadschikisch-Afghanischen Grenze folgte, fragte ich mich nicht nur einmal, was dieses Land auf der anderen Seite des Flusses zu so etwas gefährlichem macht. Im Hinterkopf hat man dabei automatisch Bilder von bewaffneten und verschleierten „Gotteskriegern“. Man versucht dabei einen Zusammenhang zwischen den am Fluss spielenden und lachenden Kindern, den hinter dem Esel herlaufenden Bauern und den Bildern aus den Medien herzustellen. Fast automatisch fragt man sich dabei, was denn ein solches Kind dazu bewegen könnte, sich diesen Organisationen anzuschließen. Ein Blick in die üblichen Medien, scheint einem hier schnell Antwort zu geben, doch ist es wirklich so einfach? Man liest dann oft vom „radikalen Islam“ oder von der Anziehungskraft der starken Terroristengruppen. Den Islam habe ich allerdings als eine sehr gastfreundliche Religion kennen gelernt. Auch die Völker in diesen Regionen wirkten für mich sehr aufgeschlossen und friedliebend. Wenn man jetzt bedenkt, dass Afghanistan noch in den 70ern ein sehr offenes und bei Hippies beliebtes Land war, fällt es einem immer schwerer, diese Berichte zu glauben. Viel eher wird deutlich, dass dieses Land unter einem langen Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA gelitten hat. Dass Terroristengruppen von den USA lange unterstützt wurden, verbessert die Lage ebenso wenig wie die dauerhafte Anwesenheit von ausländischen Truppen! Könnte nicht auch gerade Letzteres ein Grund sein, dass junge Menschen in solche Organisationen eintreten, um die Besatzer los zu werden? Nach all den guten Erfahrungen in den Nachbarländern, würde es mich definitiv interessieren, mich mit diesen Menschen zu unterhalten!

Grenzfluss zwischen Tadschikistan und Afghanistan
Grenzfluss zwischen Tadschikistan und Afghanistan

Andererseits macht man sich aber auch über viele, zum Teil ungerechtfertigte Politik, Kritik an der Innenpolitik der Regierung seine Gedanken. Klar haben wir in Deutschland das Problem einer immer stärker werdenden Zweiklassengesellschaft, auch haben sich die Preise in den letzten Jahren zum Teil deutlich erhöht, es ist auch richtig, dass wir auch auf Regierungsebene starke Korruption oder zumindest starken Lobbyismus haben. Aber trotzdem lernt man viele Dinge erst richtig zu schätzen, wenn man Sie nicht mehr hat! So hat Deutschland innerhalb Westeuropas beispielsweise die niedrigsten Preise für Lebensmittel. Selbst in Ländern wie Aserbaidschan, Usbekistan oder Kasachstan liegen die Preise auf einem deutlich höheren Niveau, als in Deutschland! Und das obwohl das Durchschnittseinkommen hier deutlich geringer ist! Auch das Krankensystem, welches wir in Europa und gerade in Deutschland haben, wäre in den meisten der bereisten Länder absoluter Luxus! Wer einmal ein Krankenhaus in Georgien oder noch weniger entwickelten Ländern betreten hat, wird sich die Kritik zuhause doppelt überlegen. Doch auch abseits der Politik ändert man sich auf einer solchen Reise. So wäre es zuhause wohl undenkbar, mehrere Tage ungeduscht und mit den gleichen Klamotten durch die Gegend zu fahren! Was aber wenn man einfach mal eine Woche keine Dusche zur Verfügung hat? Richtig, dann wird ein eiskalter Gletscherbach zu einer Wohltat und ein Eimer warmes Wasser zu reinem Luxus! Klar ist auch das kein Dauerzustand auf einer solchen Reise, aber trotzdem lernt man mit solchen Dingen umzugehen. Auch ein Bett genießt, nach einer Woche im Zelt, eine ganz andere Wertschätzung, auch wenn der Zustand nicht immer unbedingt den Wunschvorstellungen entspricht! Und selbst beim Essen muss man auf einer solchen Reise hin und wieder Abstriche machen. Sei es nun wegen mangelnder Sprachkenntnisse oder schlicht aufgrund mangelnder Verfügbarkeit! So hatte ich mich auf dem Pamirhighway in Tadschikistan beispielsweise 2 Wochen lang überwiegend von Schokoriegeln und Instantnudeln ernährt, da es in den Geschäften nichts anderes zu kaufen gab.

 Dusche aus einem Gletscherbach
Dusche aus einem Gletscherbach

Da man satt werden möchte, isst man dann eben das was man bekommt! Auch gewisse Gerichte der nationalen Küche, konnte ich nach einigen Wochen nicht mehr sehen und war froh irgendwann mal wieder einer Pizzeria zu finden, um mal wieder etwas Anderes zu essen. Insgesamt überwiegen aber natürlich auch hier die positiven Erfahrungen deutlich! Meist genießt man einfach die nationale Küche und den vielen Gerichten, die man noch nicht aus der Heimat kennt. Doch wer beim Essen zu wählerisch ist, hat definitiv schlechte Karten. Auch meine Sicht auf Materielle Dinge hat sich im Lauf der Reise deutlich verändert. Genau genommen sogar schon einige Monate zuvor, als ich mit den Vorbereitungen begonnen habe. „Braucht man wirklich immer das neueste Smartphone?“ „Muss man sich unbedingt ständig neue Klamotten kaufen, weil einem die Alten nicht mehr gefallen?“ Oder „Macht es für mich Sinn ein Auto zu haben?“ Gerade wenn man versucht das Geld für eine solche Reise zusammen zu sparen, fängt man an sich über solche Dinge verstärkt Gedanken zu machen. Während einem dabei einige Entscheidungen recht einfach fallen, versucht man sich bei anderen Fragen gerne selbst hinters Licht zu führen. Neben ökologischen und sozialen Gesichtspunkten, kann man einige Fragen rein ökonomisch oder sogar mit purem Egoismus beantworten! Beispielsweise in dem man sich einfach fragt, ob man bereit ist für diesen oder jenen Gegenstand solange zu arbeiten. Einer der schwierigsten Punkte war bei mir beispielsweise das Auto: Einerseits hatte ich jeden Tag 43 Kilometer zurückzulegen, was mir mit einem Auto „sicherlich“ schneller gelingen würde. Während ich die Strecke mit dem Auto in etwa 1 Stunde zurücklegen konnte, brauchte ich mit dem Fahrrad nämlich meist etwa 2 Stunden um zur Arbeit und zurück zu fahren. Bei genauerem Hinsehen, war Dies allerdings gar nicht mehr ganz so sicher, wie es zunächst schien! So brauche ich bei dieser Strecke schon Benzin für 5€ pro Tag. Zusätzlich kommen Steuern, Versicherung, Reparaturen, Reifen, Wertverlust des Fahrzeugs und vieles mehr. Wenn ich dafür auch einfach mal 5 € veranschlage, merke ich schnell, dass ich mit dem Auto kaum schneller sein würde. Da ich frisch ausgelernt kaum mehr als 11 € Netto pro Stunde verdiente, hätte ich alleine für diese Kosten schon etwa eine Stunde arbeiten müssen. Um genau zu sein DIE Stunde, die ich mit dem Fahrrad länger brauchte um zur Arbeit zu kommen. Zur Wahl standen nun also 1 Stunde Arbeiten + 1 Stunde Auto fahren oder aber 2 Stunden meinem Hobby nachzugehen! Auch wenn das Radfahren zugegebenermaßen nicht bei allen Witterungsbedingungen Spaß macht, war die Entscheidung bei mir recht schnell gefallen. Genau genommen sparte ich sogar zusätzlich die Zeit, die ich sonst NACH dem Autofahren auf dem Fahrrad verbracht hätte! Außerdem kam ich nach einer Stunde Radfahren an der frischen Luft, meist auch deutlich entspannter zur Arbeit, als mit dem Auto oder gar öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer bisher zusätzliches Geld in ein Fitnessstudio investiert hat, kann sogar so noch etwas mehr sparen und bewegt sich dabei dann sogar an der frischen Luft! Diese Art Geld zu sparen hilft einem natürlich nicht nur im Hinblick auf eine Fernreise, sondern auch im ganz normalen Alltag. Natürlich ist die Notwendigkeit Geld zu sparen, im Hinblick auf den kommenden Verdienstausfall bedeutend wichtiger, aber auch daheim ist es schön am Monatsende ein paar Euros mehr über zu haben! Insgesamt habe ich mich während der Reise in vielen Punkten bedeutend verändert. Doch bin ich auch davon überzeugt, dass ich viele Veränderungen erst dann bemerken werde, wenn ich wieder zurück in der Heimat bin.

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Patrik (Samstag, 16 Januar 2016 06:01)

    DANKE Emil - DU HAST ES AUF DEN PUNKT GEBRACHT!!!

  • #2

    Diana (Freitag, 18 März 2016 11:32)

    Sehr gut geschrieben. Ich reise mittlerweile seit einigen Jahren in der Welt herum und in einigen Ländern konnte ich mir den Luxus eines Autos gönnen was aber am Ende auch mein Zuhause auf 4 Rädern ist. Deine Worte sind sehr leicht geschrieben werden am Ende aber meist wirklich verstanden von denen wer eben auch ein *Reisender* ist. Wir haben uns die Freiheit ermöglicht diese schönen Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen. Lovely regards

  • #3

    Emil (Mittwoch, 23 März 2016 00:05)

    Hey,
    schön zu sehen, dass auch Andere diese Erfahrungen so machen durften! Ja das mit dem Auto war eben ein Beispiel aus meinem Leben, was natürlich bei jedem anders sein kann. Es fällt einem auch nicht immer leicht auf irgendetwas Bestimmtes zu verzichten. Auch ich gönne mir bis heute den einen oder anderen Luxus. Wichtig finde ich nur, dass man den Luxus auch als solchen zu schätzen weiß und dann bewusst genießt.

    Viele Grüße

  • #4

    Garnet Packard (Freitag, 03 Februar 2017 14:01)


    Excellent web site you have here.. It's hard to find excellent writing like yours nowadays. I seriously appreciate individuals like you! Take care!!